8/17/2016

IM PFEFFERLAND

Keine Küche, in der er nicht zu finden wäre. Meist klassisch schwarz, in Form von ganzen Körnern oder — sehr schade ums Aroma! — schon fertig gemahlen. Pfeffer! Das Basic-Gewürz schlechthin, dem allerdings in der Regel keine große Beachtung geschenkt wird, so vertraut ist es uns, so selbstverständlich verwenden wir es jeden Tag. Doch gerade bei einem Produkt, das einen so festen Platz im Alltag einnimmt, lohnt es sich eine sorgfältige Wahl zu treffen, denn Pfeffer ist nicht gleich Pfeffer. Das wurde mir einmal mehr bewusst, als mich Markus Lehmann von Goût du Terroir kontaktierte und mir ein von ihm unterstütztes Projekt vorstellte: Khom Phys Pfeffer-Plantage in Kampot, eine Provinz im Süden Kambodschas. 
In einem persönlichen Gespräch erzählte mir Markus, wie die Idee entstand, soziales Engagement mit einem Produkt zu verbinden, das höchsten kulinarischen Ansprüchen gerecht werden will. Ich erfahre was schwarzen von rotem Pfeffer unterscheidet, dass der trendige rosa Pfeffer gar kein Pfeffer ist und dass der grüne aus unreif gepflückten Früchten resultiert. Zudem weiß ich jetzt endlich, weshalb ich schon immer den Eindruck hatte, dass dem weißen Pfeffer ein muffiges Aroma anhaftet. Mit ein Grund, weshalb sich die "Swiss Farm", wie die Plantage von den einheimischen Mitarbeitenden genannt wird, ausschließlich auf die Produktion des eleganten Duos schwarzer und roter Kampot Pfeffer konzentriert – übrigens eine weltweit geschützte Herkunftsbezeichnung, zu vergleichen mit Greyezer Käse oder Champagner. Mehr Wissenswertes rund um das Naturprodukt, dessen Anbau in reiner Handarbeit und ohne Einsatz von künstlichen Düngern oder Pflanzenschutzmitteln erfolgt, erfährt man auf der schönen und übersichtlichen Website. Ebenso finden sich da ausführliche Informationen über das interessante Projekt, das 2011 an den Start ging. Heute, fünf Jahre später und um viele Erfahrungen reicher, was die Kultivierung der Pfefferpflanze angeht, steht nun die erste Ernte an, welche in die Schweiz exportiert wird — eine kleine Menge davon direkt in meinen Briefkasten...


Neugierig öffnete ich die schlichten, sehr ansprechend gestalteten Verpackungen und freute mich, dass mein Mörser endlich wieder einmal zum Einsatz kommt!
Erst zerstieß ich ein Teil der schwarzen, anschließend separat einige rote Pfefferkörner. Beide Sorten entfalten sofort ein wunderbar intensives Aroma – keine Frage, ein Erlebnis und eine Freude für Nase und Gaumen. Besonders eindrücklich auch, im direkten Vergleich zu einem "normalen", handelsüblichen Pfeffer. Ein himmelweiter Unterschied!

Naheliegend also, dass ich ein Rezept vorstelle, indem Pfeffer klar die Hauptrolle spielt, sein Aroma auf der Zunge zergeht und schließlich, etwas zeitversetzt mit einer angenehmen Schärfe überrascht... 
Wer jetzt an Hirschpfeffer oder etwa an ein Pfeffersteak denkt, den muss ich enttäuschen. Weit entfernt davon! Schließlich ist immer noch Sommer – was könnte da besser passen als das Black Pepper Ice Cream von David Lebovitz? Der ideale Zeitpunkt, dieses ungewöhnliche Rezept endlich einmal auszuprobieren!


Wer es mir gleich tun möchte, aber noch auf der Suche nach gutem Pfeffer ist, der kann online bei Goût du Terroir bestellen – ein Probeset beider Sorten ist bereits für 10 Franken erhältlich. Der Shop bietet außerdem diverse Mengen und Kombinationen an, darunter auch die Möglichkeit eines Investments in das Kampot Pfeffer Projekt, per sofort auch möglich über die Crowdfunding Plattform wemakeit. Es lohnt sich reinzuschauen, es winken raffinierte Belohnungen!
Und wer schon immer einmal wissen wollte, wie es dort aussieht, dort, wo der Pfeffer wächst, der sollte sich den Film auf der Website nicht entgehen lassen. Wem das nicht reicht, der schaut gleich direkt vorbei – Besucher sind auf der Farm jederzeit willkommen!



Black Pepper Ice Cream
nach David Lebovitz; ergibt ca. 4 Portionen

Zutaten
125 ml Vollmilch
65 g Zucker
1 EL schwarze Pfefferkörner von guter Qualität, im Mörser leicht zerstoßen
Das ausgekratzte Mark einer halben Vanilleschote
1 Prise Salz
250 ml Vollrahm
3 Eigelb

Einige Eiswürfel für das Eis-Bad

Zubereitung
Milch, Zucker, Pfeffer, Vanille-Mark, Salz und die Hälfte des Vollrahms in einem Kochtopf erwärmen. Zudecken, vom Herd nehmen und eine Stunde ziehen lassen.

Die zweite Hälfte des Vollrahms in eine Schüssel leeren und ein passendes Sieb auf die Schüssel platzieren. 

In einer anderen Schüssel die drei Eigelb zusammenrühren. Nun die Pfeffer-Mixtur erneut erwärmen (nicht kochen!), dann unter ständigem Rühren sehr langsam und vorsichtig in die Eidotter gießen, eher tröpfeln, damit das Eigelb sich durch die Wärme nicht verändert. Ständig weiter rühren. Diese Mixtur wieder zurück in den Kochtopf leeren und auf mittlerer Hitze und wieder unter ständigem Rühren – am besten mit einem hitzebeständigen Gummischaber – die Mixtur eindicken, bis sie auf dem Gummischaber haften bleibt. 

Nun die cremige Masse mit dem Gummischaber durch das vorbereitete Sieb in den Rahm streichen, dabei sanft auf die zerstoßenen Pfefferkörner pressen, damit sie noch möglichst viel Aroma abgeben können. Anschließend das Sieb mit den Pfefferkörnern entfernen und die Mixtur mit dem Rahm verrühren. 

Die Schüssel in ein Eisbad geben und weiter rühren, bis die Masse kühl ist. Im Kühlschrank mindestens 2 Stunden vollkommen erkalten lassen, dann in der Eismaschine nach Vorschrift des Herstellers gefrieren. 
Eis-Bad: Eine größere Schüssel mit Wasser und Eiswürfel halb auffüllen und die Schüssel mit der Mixtur hinein stellen.

Ungeduldige können das Eis sofort genießen oder man streicht es in einen Plastikbehälter und gibt es in das Tiefkühlfach.
Die unerwarteten Gäste können kommen!

ALL IMAGES © TableTales und Goût du Terroir

8/04/2016

PERFEKT

Zum Glück erwähnte eine Freundin kürzlich beiläufig ihre Kochpläne für den Abend, als wir nachmittags plaudernd am See lagen und in die Sonne blinzelten. Perfekt – der nächste Blog-Post war geboren! Wie konnte ich diesen Klassiker aus Sizilien bloß vergessen? Insbesondere jetzt, da der halbe Sommer schon fast um ist und die Zutaten Hochsaison feiern! Höchste Zeit also für diese süditalienische Spezialität: la caponata!

Das Spezielle an diesem Auberginengemüse ist die süß-saure Geschmacksnote und ganz essenziell ist der Stangensellerie, der dem Gericht den nötigen Biss gibt. Erwähnenswert, weil diverse Rezepte tatsächlich ohne Sellerie auskommen, dafür dem Gericht aber alles Mögliche (besser Unmögliche!) unterjubeln: Zucchini, Paprika, sogar Karotten... oh nein, bitte nicht! Eine Caponata ist kein Jekami, kein Gemüseeintopf! Varianten sollen erlaubt sein, trotzdem, meine Version – ich würde sagen klassisch, schlicht – ist mir die liebste. 
Hoffentlich finde ich das Rezept noch... geht es mir durch den Kopf als ich nach der Rumliegerei am See nach Hause schlendere.

Mein Weg führt mich vom Seefeld kommend durch den Park der Villa Bleuler. Der wunderschön angelegte Umschwung ist öffentlich zugänglich, dennoch, hier trifft man selten jemanden an, außer eine Schöne der Antike. Sie begrüßt Besucher ganz in Weiß, unter Bögen auf der Veranda. Der Hintergrund terrakottafarben, abgeblätterte Stellen, Patina... perfekt unperfekt, ein Hauch Italien, denke ich, verweile einen Augenblick, fotografiere, während meine Gedanken bereits weiter wandern... nach Hause, in die Küche, in den Schrank, ganz oben, dorthin, wo ich meine gesammelten Rezepte horte... Zettel, Schnipsel – dann Freude! Das Rezept ist noch da, geduldig hat es auf seinen Einsatz gewartet. Und den wird es bereits die kommenden Tage schon wieder haben, denn die Wetterprognosen versprechen das perfekte Wochenende. Für viele heißt das: Grill an! Ob im herrschaftlichen Park, im Gärtchen oder auf dem Balkon, eine Caponata gehört dazu, denn sie passt eigentlich zu allem – zu gegrilltem Fisch ist sie schlicht perfekt!





Caponata
Als leichtes Hauptgericht für zwei, als Beilage für vier Personen

Zutaten
1 Aubergine (350-400 g)
2 Stangen Sellerie
2 Tomaten (250 g)
1-2 rote Zwiebeln (100 g)
2 Knoblauchzehen
1 EL Kapern
2 Zweige Basilikum
1 EL Rotweinessig
1/2 EL Balsamico
1 TL Zucker
Olivenöl
Salz
Schwarzer Pfeffer aus der Mühle

Zum Servieren:
1-2 EL Pinienkerne
1 Zweig Basilikum 

Anmerkung: 
Oliven gehören eigentlich auch in eine Caponata – ich lasse sie weg. Wer es aber mag fügt 1 EL entsteinte, fein gehackte grüne Oliven zusammen mit den Kapern dazu. 

Zubereitung
Die Pinienkerne in einer Pfanne ohne Öl goldgelb rösten.

Den Stangensellerie von Kraut und holzigen Stellen befreien und in 3 mm dicke Scheibchen schneiden, die Tomaten fein würfeln. Die Zwiebeln halbieren und feine Scheiben schneiden, den Knoblauch quetschen und sehr fein hacken.
Die Basilikum-Blättchen abzupfen.

Die Aubergine in 5 mm dicke Scheiben schneiden. Je nach Umfang der Scheibe wie einen Kuchen achteln oder vierteln.
Portionsweise (jedes Stück soll den Pfannenboden berühren) in Olivenöl beidseitig goldbraun anbraten. Herausnehmen, auf einen Teller geben und wiederholen bis alle Aubergine-Stücke angebraten sind. Beiseite stellen.

In der Pfanne wieder Olivenöl erwärmen, die Zwiebeln goldbraun andünsten, dann den Knoblauch zufügen, kurz mitdünsten, er soll keine Farbe annehmen. Schließlich Aubergine, Sellerie und Tomaten unterrühren. Salzen und pfeffern.
Nun 5 Minuten zugedeckt bei mittlerer Hitze köcheln lassen. Den Deckel entfernen, Rotweinessig, Balsamico, Zucker, Kapern und Basilikum-Blättchen dazu rühren. Mit einem Bogen Backpapier abdecken (oder ohne Deckel, falls kein Backpapier vorhanden ist) und weitere 15-20 Minuten garen, bis das Gemüse eine sämige Konsistenz erreicht hat. Hin und wieder umrühren.
Vom Herd nehmen und ruhen lassen.

Eine Caponata genießt man lauwarm oder kalt, aber nicht direkt aus dem Kühlschrank.
Sie lässt sich sehr gut vorbereiten, da sie am nächsten und übernächsten Tag fast noch besser schmeckt. Im Kühlschrank aufbewahren.
Vor dem Servieren mit den Pinienkernen und Basilikum-Blättchen bestreuen.

Übrigens, eine Caponata macht sich auch perfekt als Hauptgericht, frisches Weißbrot dazu und der Grill kann getrost unbenutzt in der Ecke bleiben!

Schönes Wochenende!

ALL IMAGES @ TableTales
Bild 3 via Wikipedia

7/27/2016

GLÜCK LÖFFELN

Der Duft eines Pfirsichs verhieß Sommer, versprach unbeschwertes Glück. Da war ich noch ein Kind. Die Unbeschwertheit verabschiedet sich zwar irgendwann im Leben, das ist leider so, doch auch heute noch beglückt mich diese sinnliche, samtige Frucht und versetzt mich in Gedanken an Lieblingsorte. In den Süden Frankreichs. Flirrende Hitze. Stille. Träges Zirpen einzelner Grillen. Das Meer, der blaue funkelnde Strich in der Weite. Eine Pinie. In ihrem Schatten Stühle, ein alter Tisch. Und ein Teller. Darin etwas Süßes, etwas Erfrischendes, etwas Fruchtiges. Une soupe de pêches!


Wer sich nicht nur dorthin träumen muss, wie ich gerade, sondern tatsächlich in Südfrankreich ist, z.B. in der Gegend von Nice und nach den schrecklichen Vorkommnissen der letzten Tage und Wochen das Bedürfnis nach einer kleinen Auszeit verspürt, der besucht das Musée Matisse und das Musée Renoir – zwei Oasen der Schönheit und Sinnlichkeit. 




Soupe de pêches
2-3 Personen

Zutaten
5 reife, flache weiße Pfirsiche
(Natürlich kann man auch die runden Pfirsiche verwenden. Dazu müsste man die Menge anpassen, da sie größer sind. Die flachen, die sogenannten Platt-Pfirsiche, sind in der Regel aromatischer.)
60 g Zucker
0.75 dl fruchtiger Weißwein
2 EL Zitronensaft
Zesten einer halben Zitrone, feine Streifchen oder fein gehackt
(Mit einem Spar- oder Zestenschäler darauf achten, dass nur die gelbe Zitronenschale wegkommt, ohne weiße Unterhaut.)
1/4 Vanilleschote
1/4 Zimtstange
15 Pistazien, geschält und fein gehackt
Einige Minze-Blättchen

Zubereitung
Die Pfirsiche der Nabe nach bis zum Stein einschneiden und durch vorsichtiges hin und her drehen die beiden Hälften trennen. Den Kern aus der einen Hälfte herauslösen.

Wasser in einem Topf zum kochen bringen. Die Pfirsichhälften für zwei Minuten in das Wasser geben. Mit einem Löffel herausheben und in einen Teller legen. Etwas abkühlen lassen. Nun lässt sich die Haut mühelos von den Früchten abziehen. 

Wein, Zucker, Zimt, Vanilleschote und dessen ausgekratztes Mark, Zitronenzesten und Zitronensaft in eine beschichtete Pfanne geben, verrühren und aufkochen. Die Hitze auf kleine bis mittlere Stufe zurückstellen und die Pfirsichhälften einzeln mit einem Löffel dazu geben. Die Pfanne mit einem Bogen Backpapier abdecken und die Pfirsiche ca. 8 Minuten im Saft köcheln, hin und wieder die Früchte mit einem Löffel vorsichtig wenden.

Die Pfirsichhälften mit der Schnittfläche nach unten in einen tiefen Teller legen und mit dem entstandenen Sirup übergießen. Abkühlen lassen, dann mit Frischhaltefolie abdecken und für mindestens drei Stunden in den Kühlschrank geben. Vor dem Servieren mit den Pistazien und Minze-Blättchen bestreuen. Ein wunderbar erfrischendes Dessert, das glücklich macht – bon appétit!

ALL IMAGES © TableTales
Bild 3 Henri Matisse "Lecture de femme avec des pêches", 1923 ; Bild 4 links Auguste Renoir "Lise", 1867

7/25/2016

SÜSSES TUN

Und wieder ein Artikel über TableTales! Diesmal in der Zeit Online. Passend zur momentanen Jahreszeit zu lesen unter dem Motto Süßes Nichtstun. Vielen Dank Eva Biringer!
Dolce far niente gehört zwar unbedingt zum Sommer, bald wird hier bei TableTales aber wieder etwas getan – Süßes, sehr Süßes et très français... à bientôt!


ALL IMAGES © TableTales

7/04/2016

STYLIGHT

TableTales ist wieder einmal in bester Gesellschaft – danke Anna Lena von Stylight für den schönen Artikel!

ALL IMAGES © TableTales

6/30/2016

EIN SOMMER-REZEPT

Eigentlich habe ich ja nicht damit gerechnet, dass sich das Thema Fußball je auf meinen Blog verirren würde, denn ich muss gestehen, ich kriege das Geschehen um das Runde auf dem viereckigen Grün jeweils nur am Rande mit, aber ganz entziehen kann selbst ich mich nicht. Vor allem nicht während einer EM. Und ich gebe ja zu, hie und da ist es richtig spannend... naja, manchmal auch bitter... kurz, die Nati ist wieder zu Hause. Doch es gibt ja Alternativen. Zumindest Yann Sommer hat eine: Küche statt Tor. Der Held – für mich ist jeder ein Held, der Bälle auf sich schießen lässt – kocht scheinbar leidenschaftlich gerne und schreibt sogar darüber. Eine Gelegenheit also, in diesem abwesenden Sommer wenigstens Sommer auf dem Teller zu haben. Ausprobieren, es funktioniert! 


Sommer-Doraden
Für 2 Personen

Zutaten
2 Doraden, ausgenommen und entschuppt
(In Yann Sommers Rezept ist es nur eine Dorade für 2-3 Personen... das reicht bei uns nirgends hin!)
8 Zweige frischer Rosmarin
1 Bio-Zitrone + vier Scheiben extra
Olivenöl
Meersalz und schwarzer Pfeffer

Zubereitung
Den Ofen auf 200° C vorheizen (Umluft).

Die Zitronen waschen, die eine halbieren, von der anderen vier dünne Scheiben schneiden. Die Bäuche der Fische mit je zwei Scheiben Zitrone und je zwei Rosmarinzweigen füllen. Eine feuerfeste Form mit Backpapier auslegen, großzügig mit Olivenöl bestreichen und den restlichen Rosmarin darauf verteilen. Die Doraden darauf betten, die Oberseite der Fische mit Olivenöl bestreichen und mit Meersalz bestreuen.
Die Form für ca. 20 Minuten auf mittlerer Schiene in den Ofen geben. Nach ca. 10 Minuten die Zitronenhälften mit der Schnittfläche nach unten dazu legen. Der Saft kriegt dadurch einen viel intensiveren Geschmack, er karamellisiert fast.

Bei mir muss sich jeder selbst helfen... ich serviere die Fische so, wie sie aus dem Ofen kommen. Bei Yann Sommer wir die Dorade filetiert und portioniert auf die Teller gelegt. Mit den Zitronenhälften aus dem Ofen und etwas Olivenöl beträufeln, nach Belieben salzen und pfeffern.

Auf den Sommer!

ALL IMAGS © TableTales
Rezept und Bild 2, links via sommerkocht.ch

6/21/2016

SALVE, ICH BIN GANZ ÖHRCHEN!

Die kleine, fünftägige Reise nach Apulien hat mir einmal mehr gezeigt, wie reizvoll es sein kann, kurz entschlossen das Köfferchen zu packen und abzureisen. Ja, ohne vorher bereits sieben Reiseführer gelesen zu haben, und ohne das daraus erstellte, durchgetaktete Reisekonzept im Gepäck. Spitzfindige werden nun behaupten, kein Konzept sei auch ein Konzept. Richtig, aber ein entspanntes, denn es hat wunderbar funktioniert und wie von Zauberhand wurden wir so an die schönsten Orte geführt. 
So geschehen am zweiten Tag, in Bari. Die Hauptstadt Apuliens liegt ungefähr 75 km von unserem Ausgangspunkt in der Nähe von Cisternino entfernt. Nähert man sich über die autostrada der Hafenstadt, geht es los mit den Ausfahrten. Es gibt scheinbar unzählige, uscita Bari dies, uscita Bari das – wir wählen nach Gefühl und erreichen schnurstracks das centro, parken mühelos (das Glück des Vorsaison-Reisenden!) und schlendern Richtung Altstadt, erst am Meer entlang, dann über eine Treppe hinein ins Straßengewirr.

Vorbei an Kirchen, unter bunter, abenteuerlich über die Gassen aufgehängter Wäsche durch, vorbei an Plastikblachen, die vor kleinen Balkonen für immer provisorisch montiert sind, vorbei an hohen, verschlossenen Fensterläden – die junge Sophia Loren aus den sechziger Jahren könnte ohne Weiteres um die Ecke kommen, die Kulisse würde immer noch passen. 
Doch statt der Filmschönheit steht plötzlich ein Kastell, das Castello Svevo di Bari vor uns. Ein Touristenführer erzählt einer deutschen Gruppe die dazugehörige Geschichte von Zerstörung und Wiederaufbau, von Prinzessinnen und Kaisern, während wir weiter spazieren und magisch angezogen sind von zwei Torbogen, einem höheren und einem niedrigeren, die jeweils in eine Gasse führen.

Der eine in die via arco alto, der andere in die via arco basso. Hier sitzen sie, vor ihren Hauseingängen an kleinen Küchentischen: die Pasta-Ladies. Hier kneten, rollen, formen sie, tagein, tagaus, manche schweigsam, andere munter plaudernd oder sogar fröhlich singend: die orecchiette. Die „Öhrchen“, neben anderen Sorten die wohl bekannteste Pasta Apuliens.


Die flinken Frauenhände, von jahrelanger Arbeit und südlicher Sonne gezeichnet, zaubern aus der Hartweizenmehlmasse die typisch geformten Teigwaren dermaßen schnell, dass man kaum mitkriegt, wie so ein einzelnes orecchietti eigentlich entsteht.


Wieder zu Hause in Zürich möchte ich es ausprobieren. Ein verregnetes Wochenende lag ohnehin vor mir, genügend Zeit also zum üben. Und staunen, denn nach ein paar Anfangsschwierigkeiten, sprich unförmigen – oder fantasievollen, wie man’s nimmt – Teiggebilden, läuft es plötzlich rund und mein Brett füllt sich rasch mit wohlgeformten Öhrchen. 
Die Damen von Bari arbeiten mit einem stumpfen Messer. Ich habe meine eigene Methode "entwickelt", ich nenne sie Daumen-Daumen-Technik, d.h., statt mit dem Messer streiche/reibe ich das Teigstückchen mit dem einen Daumen auf das Holzbrett und stülpe es anschließend über den zweiten Daumen, wodurch es die typische Öhrchenform erhält. 

Verständlicherweise lag mein Fokus eindeutig auf der Herstellung der orecchiette, so geriet die Soße etwas in den Hintergrund. Vorsorglich hatte ich aber bereits einen sugo al pomodore vorbereitet, der einfach immer passt. Wem das zu simpel ist, der versucht eine Variante mit ceci, Kichererbsen – die Hülsenfrüchte kommen in Apulien häufig zum Einsatz. Und wer es ganz klassisch mag, serviert die Pasta natürlich mit cima di rapa, Stängelkohl, der allerdings gerade jetzt in den Sommermonaten keine Saison hat. Das ist die Gelegenheit, eigene Kreationen auszuprobieren. Dasselbe gilt für die Herstellung der orecchiette, man muss seine eigene Methode finden – ich bin sicher, keine der eindrücklichen Frauen der Pasta-Straßen hätte etwas dagegen.


Frische Orecchiette
Für 2 Personen

Zutaten
200 g Semola di grano duro (Hartweizendunst)
(In der Schweiz: Das Knöpflimehl von Coop ist ideal)
eine Prise Salz
1 dl lauwarmes Wasser

Zubereitung
Auf einem Holzbrett oder in einer Schüssel das Knöpflimehl mit dem Salz vermischen, in die Mitte eine Vertiefung drücken, das Wasser dazu geben und von Hand zu einem homogenen, geschmeidigen Teig verkneten. In Frischhaltefolie einpacken und mindestens 1 Stunde im Kühlschrank ruhen lassen.

Ein Holzbrett mit etwas Mehl bestreuen. Den Teig nochmals durchkneten, ein Stück abschneiden und daraus eine Rolle mit einem Durchmesser von ca. 1 bis 1,5 cm formen. Davon ca. 1 bis 1,5 cm lange Stückchen abschneiden und diese jeweils mit dem einen Daumen auf das Brett streichen. Dadurch rollt sich das Teigstückchen zusammen. Etwas aufrollen und mit der Unterseite über den anderen Daumen stülpen. So entsteht die typische Form mit der aufgerauten Seite nach oben und dem verdickten Rand, ähnlich einem Hütchen, oder eben einem Öhrchen.
Es klingt umständlich, einfach ausprobieren und plötzlich geht es wie von alleine.

Die geformten orecchiette fortlaufend auf ein zweites Brett oder Backpapier legen, damit genug Arbeitsfläche frei bleibt.

In einem großen Kochtopf gesalzenes Wasser zum kochen bringen.
Die orecchiette vorsichtig hinein geben und al dente kochen, abgießen, gut abtropfen lassen und mit der Lieblingssoße mischen –  ich träume dabei schon von meiner nächsten Reise nach Apulien...

ALL IMAGES @ TableTales